Dr. Neubert's Deutsches Garten-Magazin, Volume 37: 5-8 (1884)
Kletterrosen für den Norden
Rudolph Geschwind

Unter den Landrosen, welche leider der Modethorheit zum Opfer gefallen und aus den Gärten verdrängt worden sind, nehmen die Kletterrosen zwar nicht immer was Schönheit der einzelnen Blumen, sondern was Gebrauchswert und vielseitige Verwendbarkeit des Strauches selbst betrifft, den ersten Rang ein. Wir haben infolge gegenseitiger, weitgreifender Hybridisation fast in allen Gruppen Kletterrosen, d. h. solche, deren Wuchs so kräftig ist, dass sich mit ihnen leicht Wandflächen überkleiden, Lauben bilden und Säulenrosen formen lassen; die eigentlichen Kletterrosen aber finden wir in den Varietäten der Species: R. alpina, R. multiflora, R. arvensis, R. sempervirens, R. moschata, R. rubifolia und R. Banksiae. Alle Varietäten aus den vorgenannten Species lassen sich als Kletterrosen beuützen, doch haben viele Varietäten von R. alpina, multiflora und rubifolia keinen so unbändigen Wuchs und keine so biegsamen Zweige, wie wir sie z. B. bei den Varietäten der R. sempervirens finden, um zugleich auch gute Trauerrosen bilden zu können. Man könnte die Kletterrosen füglich in geradtriebige und bogentriebige unterscheiden nnd es wäre sehr erwünscht, wenn die Kataloge der Handelsgärtner in dieser Richtung Anhaltspunkte böten, um stets geeignete Auswahl für die verschiedenen Zwecke vor Augen zu haben; statt dessen gefällt sich die beutzutagige moderne Gärtnerei in einer bunten Durcheinanderwürfelung aller vorhandenen, besser gesagt der gangbarsten Kletterrosen, ohne Rücksicht auf Art oder Klasse zu nehmen und so geschieht es, dass wir in den Katalogen der Rosengärtner der Ungeheuerlichkeit begegnen, unter der Ueberschrift: »Rosa arvensis, Prairie- (?!) oder Kletterrosen«, ein anderes Mal wieder unter »Rosa multiflora« alle unsere alten Bekannten aus der Gruppe der Alpen-, Prairie-, vielblumigen, Feld- und immergrünen Rose friedlich nebeneinander gereiht zu finden! Es kann zwar nicht geleugnet werden, dass es heutzutage dem Rosengärtner sehr schwer gemacht wird, eine Rose richtig zu klassifizieren, da sich infolge fortgesetzter Hybridisation die Typen immer mehr verwischen, die Gruppen von Jahr zu Jahr inniger ineinander verschmelzen; aber, so muss ich fragen, zu was hält man sich, wenn man schon einmal neue Bastarde vor sich hat und dem Züchter auf Treue und Glauben die Klassifikation überlässt, an die strenge Grenze der Spezies und wirft den ganzen Plunder nicht in eine gemeinschaftliche Gruppe unter der einfachen Bezeichnung »Kletterrosen«? Dahin könnten dann, ohne Gefahr verspottet zu werden, alle unbestimmten kletternden Hybriden, z. B. Madame Sauriol de Barny, Madame de Sancy de Parabere, Tricolor, Flore, Ornament des bosquets u. a. geworfen und sozusagen eine Art Zufluchstätte für die Verlassenen ohne Pass gefunden werden. Es ist hier nicht der Raum, auf die vielen Verrirrungen der Handelsgärtner bezüglich der Klassifikation der Rosen überhaupt, speziell auf die der Kletterrosen näher einzugehen, mit einem Worte sei nur gesagt, dass die Verwirrung vollständig und nur die blinde Annahme meines Vorschlages der einzige praktische Weg ist, den man einschlagen kann.

Die meisten unserer Kletterrosen laborieren an zwei hervorragenden Fehlern, deren einer die geringe Widerstandsfähigkeit gegen die Strenge unserer Winter, der andere die Eintönigkeit der Färbungen ist, die zumeist nur in Weiss, Gelblichweiss und Zartrosa oder Fleischfarb auftauchen. Dort, wo dunkle Färbungen vorkommen, wie z. B. in den Gruppen der Alpina, sind die Varietäten meist halbgefüllt, sehr schlecht im Bau, mit einem Worte kaum begehrenswert, während die wahren Kletterer unter den Noisett- und Banksrosen zwar eine erwünschte Farbenveränderung in Gelb und Kupferrot bieten, dafür aber so weichlich sind, dass sie keine allgemeine Verwendung im freien Grunde des Gartens finden können, sondern Glashauskultur erfordern.

Seit einer Reihe von Jahren war es mein ernstliches Bestreben, die an den Kletterrosen haftenden Mängel aufzupaaren. Die mir gestellte Aufgabe war schwierig, sehr schwierig, was einleuchten wird, wenn ich sage, dass die Sämlinge der echten Kultur nicht unter fünf, wohl aber meist erst nach dem Verlaufe von zehn Jahren blühen und soviel Raum beanspruchen, dass es unter gewöhnlichen Verhältnissen kaum möglich ist, die Erziehung neuer Kletterrosen aus Samen erfolgreich durchzuführen. Nur so nebenbei erwähne ich, dass einer meiner Kletterrosensämlinge vor 11 Jahren gekeimt, einen Raum von 25 ☐ m einnimmt und heuer ganz einfach und wertlos geblüht hat; wieviel Geduld und Zeit, mehr noch, wieviel Liebe zur Rose gehört dazu, um angesichts solcher Resultate nicht den Mut zu verlieren?! — Doch Fortuna, besser gesagt, Flora teilt auch schöne Gaben aus. Mancher Kletterrosensämling blühte in dem so seltenen Karmoisinrot, freilich noch nicht in der vollendeten Form und Füllung einer Rose, die für die Oeffentlichkeit passt, doch habe ich in diesem Genre einige Sämlinge gezogen, welche ich dem Publikum hiemit vorführe. Die Königin der Kletterrosen, eine schöne Rose überhaupt, ist:

*) Sie hätte ebensoviel Recht, eine blaue genannt zu werden, wie die Remontantrose Alsace-Loraine als schwarz bezeichnet wird, und ist weit eher eine Violacea als die Moosrose dieses Namens.

1) Erinnerung an Brod, eine Hybride, die schon als Strauch gezogen die Neigung zum Hängen zeigt, hochstämmig veredelt, in gutem Boden aber zwei Meter lange Jahrestriebe macht, die im Zustande der Blüte bis zur Erde herabhängen. Die Blüte ist nahezu purpurn oder veilchenblau gefärbt und in dieser Farbe die einzige Rose, die sich einem wirklichen Blau in etwas nähert*). Von ferne gesehen erscheinen einzelne besonders dunkel gefärbte Blüten fast schwarz. Die einzelne grosse Blume ist dabei regelmässig kompakt gebaut und dicht gefüllt (ohne Staubgefrisse). Diese Rose, welche bei Herrn Franz Deegen junior in Köstritz Probe blüht, ist wegen ihrer düsteren Farbe die allerbeste und effektreichste Trauerrose für Gräber, um so mehr da sie dem strengsten Winter Trotz bietet.

2) Ihr reiht sich würdig an die Seite eine Varietät der R. multiflora, von de la Grifferaie gewonnen, mit dem kräftigen Wuchse letzterer Varietät, deren Härte sie besitzt. Ihre Blüten sind mittelgross, dicht gefüllt und regelmässig flach gebaut. Die Farbe ist ein lachs-karminrot mit feuerrotem Schein. Zuweilen sind die Ränder einzelner Blumen lichter, fast weiss gefärbt, was sich recht hübsch ausnimmt. Ich habe diese schöne Rose Nymphe Tepla getauft.

3) Erlkönig; gleichfalls eine robuste Varietät von R. multiflora, von regelmässigem Bau und guter Füllung. Die Farbe dieser Varietät ist ein helles Karminpurpur in Karmoisin übergehend. Die Blume ist mittelgross.

4) Fatinitza. Hybride dritten Grades zwischen Alpenrose, multiflora und der Ayrshire-Rose, vollkommen frosthart und gleich der nachfolgenden Varietät durch ihr sonderbares grosses Laubwerk ausgezeichnet, welches einen Besucher meines Gartens zu der Ansicht verleitete, ich hätte Akazien zwischen meinen Rosen stehen. Die Blüten dieser Varietät sind mittelgross, erscheinen aber in mächtigen Büscheln, so zwar, dass der Strauch in voller Blüte wie beschneit aussieht. Die Blumen sind zwar kaum etwas mehr als halbgefüllt, aber schön schalenförmig geschlossen gebaut, so dass der Mangel an Füllung nicht bemerkbar wird. Die Farbe wechselt in allen Nuancen zwischen weiss, rosa und purpurrosa, nicht selten gestreift oder gestrichelt mit Weiss, oft einzelne Blumenblätter ganz weiss; in der Regel weiss mit leuchtend Purpurrosa-Rand, so dass der weisse Grund der Blume schön absticht. Eine Färbung, die bei den Rosen überhaupt noch nicht vorkommt. Sie beansprucht eine nördliche Wand, da sie in südlicher Lage zu rasch verblüht. Dieselbe Eigenschaften hat:

5) Walküre, mit flach gebauter (ziegeldachförmiger) gut gefüllter, in Masse erscheinender, rosafleischfarbener oder lilarosa Blüte, eine hervorragende Varietät, welche Blattwerk, Wuchs und Härte, sowie Vorliebe für nördliche Wände mit Nr. 4 gemein hat und in der Blüte viel Effekt macht.

Ueberhaupt gedeihen die Varietäten Fatinitza, Walküre und Erinnerung an Brod in jedem Boden und in der ungünstigsten Lage ohne jedwede Bedeckung und blühen reich und effektvoll; eignen sich daher so recht für die rauhen klimatischen Verhältnisse des Nordens. Einmal dort eingebürgert, werden sie bald alle andern schon bekannten Kletterrosen, die bekanntlich mehr oder weniger Winterschutz bedürfen, verdrängen und eine wahrhafte Zierde der dortigen Gärten bilden, um so mehr, als auch einzelne Blüten, und nicht bloss der Gesamteindruck des vollblühenden Strauches gefallen.

Den Herren Handelsgärtnern diene zur gefälligen Kenntnisnahme, dass ich das Eigentumsrecht eines oder des andern Sämlings (exclusive von Nr. 1) um den fixen, angesichts französischen Verkaufes sehr mässigen Preis von 50 fl. pr. Sorte abgebe. Bemerken muss ich jedoch, dass ich weder die Originale (welche ohnehin wegen ihres bereits erreichten Umfanges nicht versendbar sind) abgeben kann, noch irgendwelche Vermehrung besitze; dem Käufer bürge jedoch mein Ehrenwort, dass in keine andere Hand auch nur ein Edelauge von dem Sämling gelangt, wenn gleich die Abgabe an den Käufer nur in Veredlungsreisern, sei es im Sommer oder Winter, geschehen kann.

Uebrigens verlange ich von reellen Firmen Zahlung nur dann, wenn sich der Käufer von dem Werte der Sämlinge selbst überzeugt haben wird.

Stadt Komitat Ibout.
Rudolph Geschwind,
Forstmeister.